von

Sebastian Vonderau

Veröffentlicht am

October 18, 2018

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Kennst Du eine – kennst Du sie alle! Durch die Verbreitung des mobilen Internets haben heute viele Menschen schnellen und ortsungebundenen Zugang zu einer großen Anzahl an Tagesmedien. Wer sich mal eingängiger über ein aktuelles Thema informieren möchte, oder eine andere Meinung vertritt als im Medium X gelesen wird, wird schnell feststellen, dass viele Artikel austauschbar geworden sind und sich inhaltlich kaum voneinander unterscheiden. Am krassesten und offensichtlichsten ist das Phänomen groteskerweise bei dem besonders streitbaren Thema Politik zu beobachten. Hier wird öffentlich fleißig diskutiert, aber medial im Gleichschritt mundgerecht, die eine Meinung wiedergekaut, die der konditionierte Leser zustimmend nur noch abnicken soll. Wie viele pro-russische Artikel haben Sie über den Ukrainekonflikt gelesen? Welches große Tagesmedium hat sich damals gegen die Haltung der Bundesregierung zum Thema Griechenland-Rettung oder vor wenigen Wochen zur Europawahl geäußert? Ich habe zunehmend das Gefühl, viele Artikel sind nicht mehr neutral und differenziert aufbereitet, von Grund auf und von allen Seiten durchrecherchiert. Auch der Mut zu polarisieren oder Unbequemes auszusprechen fehlt insbesondere im Online-Journalismus häufig. Dies können sich viele große Medien nicht mehr erlauben – oder besser gesagt wortwörtlich: nicht mehr leisten! So gleichen sich auch die Inhalte der Startseiten der großen deutschen Zeitungen immer häufiger, so dass man das Gefühl hat, alle schreiben voneinander ab und tauschen lediglich die Headlines aus. Entspricht das dem journalistischen Grundgedanken einer unabhängigen und differenzierten Berichterstattung? Heute werden diese alten Werte häufig überholt von wichtiger gewordenen Kriterien wie „Geschwindigkeit“ und letztendlich „Geld“. Viele Themen können redaktionell nicht mehr von allen Seiten durchleuchtet werden, da schlichtweg die Zeit fehlt. Um aber trotzdem geklickt, gekauft, gelesen zu werden, muss ein Artikel möglichst schnell nach dem Ereignis erscheinen. Die Waage zwischen Geschwindigkeit und Qualität schlägt leider immer häufiger zugunsten des Zeitdrucks aus. Denn nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.

Geschwindigkeit schlägt Qualität – denkste! Ein Stück weit ist diese Entwicklung auch auf die veränderten Lesegewohnheiten insbesondere durch das Internet zurückzuführen. Wir alle können und wollen Informationen aktuell, überall und am besten sofort. Dafür nehmen wir in Kauf, dass die Informationen in dieser kurzen Zeit nicht adäquat aufbereitet werden können. Genau in diese Nische springen seit einigen Jahren sogenannte Neue Medien wie Blogs, Foren und ein Stück weit auch Social Media, das als unabhängiger Informationskanal zunehmend an Bedeutung gewinnt und die alteingesessenen Printmedien-Häuser in große Bedrängnis bringt. Bei Technik und Gadgets ist der Trend schon länger zu beobachten. Viele wissen, dass der Tageszeitungsredakteur nicht die Zeit hat, ein neues hochtechnisches Gerät auf Herz und Nieren zu prüfen und auseinanderzunehmen. Vor dem Kauf schauen wir also gezielt in die kleinen oder mittleren Portale, Blogs oder was die Experten in den sozialen Medien sagen, die sich genau darauf spezialisiert haben. Hier erhalten wir in der Idealvorstellung kein in unterschiedlichen Textversionen aufbereitetes Datenblatt sondern eine ehrliche und neutrale, fachmännische Beurteilung der Sache – so wie das früher der Tageszeitungsjournalist getan hat. Diese Entwicklung beeinflusst in weiten Teilen auch die PR-Arbeit von Unternehmen. So nehmen kleine und unabhängige Blogs in einigen Bereichen wie Smartphones bereits den Platz der wirklichen Meinungsmacher ein. Die klassischen Tagesmedien, wo diese Themen immer noch nur Randthema sind, haben ein Vertrauensproblem. Dies schlägt sich seit Jahren in rückgängigen Absatzzahlen nieder und pusht Blogger und Bloggerinnen, die ihre zunächst kleinen, aber oft rasant wachsenden Nachrichtenmanufakturen aufziehen. Sie haben die Zeit, das Know How und die Lust darauf, sich auch mal den kleinen, den besonderen, aber nicht weniger wichtigen Themen anzunehmen und sie eingängig aus unterschiedlichen Winkeln zu be- und durchleuchten. Sicherlich nicht immer ganz neutral, dennoch mit einer echten Meinung, die Ihre ist, und die man nicht bereits vier Mal mit anderer Überschrift gelesen hat. Ich finde, da können sich die sogenannten großen, meinungsmachenden Medien von den vermeintlich Kleinen etwas abschauen! Oder weiter zuschauen, wie diese nach und nach an ihnen vorbeiziehen…

 

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