von

LEWIS

Veröffentlicht am

October 18, 2018

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NSA, Ukraine – und natürlich David Hasselhoff. Das waren die großen Themen auf der diesjährigen re:publica, die letzte Woche in Berlin stattfand. Vorweg ein Geständnis: Das war mein erstes Mal auf dieser Konferenz. Warum ‚Geständnis’? Weil ich immer das Gefühl hat(te), dass dies ein Treffen der Eingeweihten ist. Eine Jahresversammlung der (deutschsprachigen) Netzbewegung – die aber oft noch sehr als echte Subkultur daherkommt. So ist auch der erste Eindruck: lauter coole und junge Leute. Weniger graue Haare als vielmehr pinke oder knallblaue. Die Veranstaltung zur Geschichtsschreibung zu Nerds (die ich als Historiker natürlich besucht habe) wird zum Feministinnen-Seminar. Und am Verkaufsstand gibt es Mehlwürmer und Grillen in Lutschern. Oder gleich Dildos aus dem 3D-Drucker.


Aber der Reihe nach. Los ging’s mit einer sympathisch ungeprobten Eröffnung durch die Organisatoren. Echt spontan das alles. Dann folgte aber auch schon ein echter Höhepunkt der spannenden Keynote der Yesmen-Gruppe aus New York. Erstaunlich, wie humorvoll und spannend heute gut gemachtes Guerilla Campaigning aussehen kann. Kleiner Einschub und bevor ich es vergesse: Auch wenn einige RednerInnen aus dem Ausland kamen, handelt es sich bei der re:publica doch noch um eine deutsche Veranstaltung. Vielleicht sogar eine recht Berliner’sche Veranstaltung. Das erklärt sich wohl vor allem dadurch, dass Netzpolitik (und damit die Nähe zu den Bundesinstitutionen in Berlin) eine große Rolle spielt. Das große Thema natürlich: NSA, Snowden und der Kampf um das sichere, neutrale und ‚freie’ Netz. Hier wird auch schnell sichtbar, wo die Nähte im re:publica-Mantel verlaufen:

  • Während die Yesmen wenig Probleme mit der Überwachung ihrer oft subversiven Tätigkeiten sehen, ist die Beobachtung und Überwachung im Netz das große Thema in praktisch allen anderen zentralen Veranstaltungen.
  • Während bekannte Youtuber begeistert von den Zahlen und Infos schwärmen, die ihnen Google / Youtube zum Verhalten ihres Online-Publikums liefern – wird auf anderen Podien um Datenschutz gekämpft.
  • Während die meisten Teilnehmer auf allen Veranstaltungen ständig in Smartphones, Tablets und Notebooks starren, schreiben usw. – beruhigt eine US-Dozentin, dass unsere mitmenschlichen echten Beziehungen zum Glück nicht drunter leiden. Was eine Studie – im Auftrag von Microsoft (!) mit 79 (!) Paaren junger, mehrheitlichweißer, Studenten (!) – ergeben hat.
  • Und während die meisten Sessions eher akademisch und theoretisch diverse Themen abarbeiten, spielt die Monetarisierung der Online / Social / Digital Aktivitäten eine fast völlig untergeordnete Rolle. Mir stellte sich oft die Frage: Womit verdienen denn alle ihr Geld? Nur mit Büchern, Vorträgen und Coaching? OK – ich habe eine Diskussion besucht, wo es unter Finanzbloggern um die Altersvorsorge ging. Aber das war es dann auch schon fast.

In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass neben den mehr oder weniger freien Medienschaffenden und Meinungsbildnern praktisch keine Vertreter von Unternehmen zu sehen waren. Das verstärkt natürlich den Eindruck einer subkulturellen Veranstaltung – aber leider führt das auch (zumindest gefühlt) dazu, dass manchen Vorträgen eine gewisse Weltferne nicht abzusprechen ist. Der erfolgreiche deutsche Blogger, der wirklich (gut) von seiner Arbeit leben muss, ist wohl eher selten.RepublicaWas bleibt also von der re:publica 2014? Erstens natürlich die ‚Rede zur Lage der Nation’ von Sascha Lobo. Man kann ja von Lobo halten, was man will. Aber er hat einen Kern der re:publica-Problematik getroffen: Insbesondere die deutsche Bloggerszene gefällt sich in einer möglichst kommerz- und konsequenzfreien Haltung, die an die Grenzen ihres Einflusses gerät. Lobos Botschaft lautet kurz und englisch (auch wenn er das so nicht gesagt hat): „Put your money where your mouth is.“ „Unterschreibt nicht nur Petitionen, sondern spendet Geld!“ (Das hat er nun wörtlich gesagt.) Weg vom Hobby-Lobbyistentum – hin zur echten Lobby für Internet und damit Meinungsfreiheit. Angesichts der sehr heterogenen Zuhörerschaft ein hehres Ziel. Der Applaus hätte ruhig stärker sein können – was wohl auch für das schlechte Gewissen der anwesenden Teile der Netzgemeinde stand. Zweitens – und ja, ich falle auch auf jedes Testimonial rein: The Hoff. Er besprach (und besang) die Digital Freedom und Data Privacy. Das Erstaunlichste an dem Auftritt war für mich der Enthusiasmus, mit dem die doch oft so medienkritische und sich intellektuell gebende Netzgemeinde dieses Urbild von seichter TV- und Musik-Entertainment begrüßte. Drittens – richtig viele und gute Workshops zum Thema Verschlüsselung von Daten. Wobei vor allem das Thema TOR, das Anonymisierungs-Netzwerk, groß geschrieben wird. Und zu guter Letzt – ein insgesamt sehr guter Einblick in die derzeit heißen Online-Themen. Praktisch alle Veranstaltungen zum Thema Online-Videos, Bewegtbilder, Youtube etc waren hoffnungslos überfüllt. „Youtube ist Pop“ war der gemeinsame Nenner, auf den sich viele RednerInnen einigten. Interaktion im Mittelpunkt jedes Onlinevideo-Angebotes: „Werde Teil der Customer Journey!“ Als Kommunikationsberater konnte man hier gute Einblicke bekommen. Das lohnte sich nicht nur wegen der süßen Katzenvideos. Abschließend die große Frage: Soll oder muss man da hin? Ich werde wohl nächstes Jahr wiederkommen. Man trifft viele nette und interessante Leute. Es kommen zunehmend auch gute RednerInnen aus dem Ausland (USA, Indien, aber auch aus Afrika) nach Berlin. Und auch wenn manche Vorträge leicht ideologisch und manchmal auf den ersten Blick seltsam scheinen, sie regen doch zum Denken an. Gerade diese Themen brachten so oft den größten Erkenntnisgewinn. Letztlich bleibt natürlich vor allem das Gefühl, wenig Wiederholung, sondern viele echte Anregungen erhalten und auf den Weg bekommen zu haben. Viel Neues gesehen und gehört zu haben. Passend dazu der letzte Vortrag, den ich in Berlin besuchte: „Warum Trends nicht so heiß gegessen werden, wie sie gekocht werden.“ In Zeiten von Neomanie ein erfrischend anderer Denkansatz. Und die Aufforderung, dass wir nicht immer glauben sollten, alles sei WIRKLICH NEU (einer der lustigsten und spannendsten Vorträge der drei Tage).

 

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