von

Jutta Deuschl

Veröffentlicht am

October 19, 2018

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Dass Uber, ein Transport-Servicemodell, das in Deutschland auf starken Widerstand trifft, demnächst unsere tägliche Arbeit als PR-Experten auf Unternehmens- oder Agenturseite verändert: Klingt erst mal weit hergeholt. Auf den zweiten Blick ist Uberization gar nicht so weit entfernt. Schon jetzt ist die Zusammenarbeit mit Freelancern nichts anderes, als einen On-Demand-Service einem Vollzeit-Standardarbeitsmodell vorzuziehen. Für mich sagt der Begriff Uberization aber noch mehr aus: Er steht für Disruption, für ein vollkommenes Umkrempeln eines Marktes. Bei Uber geht es längst nicht mehr nur um Taxifahrten, sondern um die Automobilindustrie insgesamt. Die Frage, die sich Manager stellen müssen, heißt nicht mehr: Wie baue ich ein besseres Auto, sondern wie ermögliche ich möglichst komfortable, individuelle Trips von einem Ort zum anderen?


Übertragen wir diesen Ansatz auf die PR-Branche, dann geht es vielleicht auch nicht mehr rein um pointiertere Stories oder einen besseren Share of Voice, sondern darum, wie ich in der Zielgruppe eine gewünschte Reaktion erzeuge. Diese Reaktion kann von einem einfachen Download bis hin zu einer Kaufentscheidung reichen.  Schon jetzt können das andere Dienstleister oder Unternehmensabteilungen ähnlich gut oder besser – denken wir an digitale Marketingservices oder nur an den neuen Werkstudenten, der ein Ass bei Twitter ist.

Ein unbequemer Gedanke, dem ein zweiter folgt: Offenbar wird man derzeit schneller Opfer als Treiber von Disruption!

Falsch! Oder besser gesagt: Keine Bange – es gibt Auswege.

Ich hatte vergangene Woche die Chance, Charles Leadbeater (@LeadbeaterCh) auf einer Konferenz zu hören. Er beschreibt sich selbst als führende Autorität in Sachen Innovation und Kreativität und berät Unternehmen und Regierungen in Sachen Strategie. Ich würde ihn eher als Augenöffner und Mutmacher beschreiben: Warum sollten sich nicht genau die Ansätze zu eigen machen, die disruptive Macher auszeichnen? Ein Ansatz ist mir besonders in Erinnerung geblieben – the Power of Mass Creativity. 

Leadbeater skizzierte diese Herangehensweise mit einer Geschichte von Johan Cruyff, die selbst Nicht-Fußball-Fans einleuchten dürfte. Als Spieler von Ajax Amsterdam und später auch als Trainer galt Cruyff ist der Vorreiter des totalen Fußballs. Verkürzt beschrieben, muss in diesem Spielsystem kein Spieler auf seiner Anfangsposition bleiben, sondern springt da ein, wo er gebraucht wird. Das System erfordert von den Spielern ein hohes Taktikverständnis, um die entstehenden Lücken schnell zu füllen – im besten Fall kann jeder Spieler auf jeder Position spielen. Für alle sind Fitness und Technik ein absolutes Muss. Ganz anders als im englischen Fußball, wo häufig nur ein Spieler wirklich gut mit dem Ball umgehen kann und daher zu Alleingängen neigt (zumindest nach Aussage von Leadbeater, dem als gebürtiger Brite ein Urteil zuzutrauen ist), gilt hier: ”You will not win unless you pass!”

Übertragen auf unser Business heißt eine innovative Herangehensweise, die uns vor Disruption rettet, also nicht zwangsläufig, ab nächster Woche Beanbags in den Konferenzraum zu stellen und mit Hoodie und bunten Turnschuhen zur Arbeit zu gehen. Vielmehr geht es darum, sich fit zu machen und für neue Aufgaben zu öffnen. Welche angrenzenden Disziplinen beschäftigen sich mit Kommunikation? Wo sind meine Stärken – etwa das Geschichten finden und erzählen – und wo lässt sich diese Stärke gewinnbringend außerhalb der gewohnten Prozesse einbringen? Das sind Hausaufgaben, die jeder von uns selbst entdecken und abarbeiten muss.

In einem zweiten Schritt gilt es dann, bewusst neue Perspektiven im Arbeitsalltag zu suchen und neue Formen der Kollaboration zuzulassen. Das fängt klein an – etwas, indem man für Brainstormings den Arbeitsplatz verlässt und den Gedanken bei einem Spaziergang freien Lauf lässt, inspiriert von Menschen und Plätzen, denen man begegnet. Oder in der Mittagspause den Kontakt zu Kollegen sucht, mit denen man noch nie unterwegs war und sich deren Sichtweise erzählen lässt. Der Impuls aus dem (erweiterten) Team hilft, die Augen für neue Ideen und Ansätze zu öffnen.

Und um bei Johan Cruyff zu bleiben: Bälle, die man abspielt, kommen zu einem zurück. Das macht Uber mit seinen Fahrern nicht anders.

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